Trotz und gerade wegen aller Erlebnisse mit jüdischem Zusammenhang wurde mir in den vergangenen Wochen klar, wie wenig ich tatsächlich weiß über Juden, ihre Religion, ihre Sitten und Gewohnheiten, ihre Geschichte, ihre Verfolgung und Vernichtung - und überhaupt über alles, was Juden und das Judentum betrifft. Ich wußte nicht einmal genau, was Antisemitismus bedeutet, und wie sich der von Antijudaismus unterscheidet.
Ich begann also zu lesen, soweit das möglich ist, wenn einer so unterwegs ist wie ich. Dabei kam mir das Wetter zu Hilfe, das in den vergangenen Wochen deutlich herbstlich wurde, mit Regen und kühleren Temperaturen, was Außenaktivitäten bremste. Im Internet ist eine unübersehbare Fülle von Literatur von und über Juden zu finden, einiges davon ist auch online verfügbar oder kann sogar heruntergeladen werden.
Bei meinem Versuch, mir einen ersten Überblick zu verschaffen, hat mir das Buch "Jüdische Kultur und Geschichte" von Peter Ortag sehr geholfen. Das Buch steht kostenlos bei der Brandenburgischen Zentrale für politische Bildung zum Herunterladen als PDF (etwa 1,6 MB) zur Verfügung. Hier ist der Link:
http://www.politische-bildung-brandenburg.de/sites/default/files/downloads/juedische_kultur_und_geschichte.pdf
Bei der Lektüre fand ich dann eine Chronologie der Judenverfolgung und -vernichtung durch die Nazis in der Zeit von 1933 bis 1945, die mich sehr entsetzt hat. Wir alle haben von Konzentrationslagern, von der Reichspogromnacht im November 1938 und von Auschwitz gehört. Das sind aber "nur" die weltweit bekannten Kulminationspunkte des Nazi-Terrors. Mir war kaum bekannt, wie sehr die Maßnahmen gegen Juden (und gegen andere Minderheiten) gleich von 1933 an den Alltag der Verfolgten regierten. Verbote wohin man sieht, Verbote bestimmte Berufe auszuüben, sich auf Parkbänke zu setzen, zu bestimmten Tageszeiten einzukaufen, Behörden aufzusuchen oder sich in Kurorten aufzuhalten: die Liste nimmt beinahe kein Ende und ist trotzdem unvollständig, wie der Autor selbst anmerkt. So ist auch das Verbot, in der Öffentlichkeit Lederhosen zu tragen, nicht in der Liste enthalten. Ich empfehle sehr, allein diese Liste auf den Seiten 110 bis 124 des erwähnten Buchs zu lesen, um sich eine Vorstellung von dem zu machen, was die Schoa wirklich war: es war eine im schlimmsten Sinn deutsche, eine bürokratisch und detailliert durchgeplante Aktion zur Vertreibung und Vernichtung der Juden.
Seit 2005 soll ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin-Mitte an die in deutschem Namen begangenen Monstrositäten erinnern. Ich fühlte das Bedürfnis, diesen Ort wieder einmal aufzusuchen.
Ein deutscher Politiker, ein Abgeordneter im Landtag von Thüringen für die "Alternative für Deutschland" wagte es, im Januar 2017 in Dresden zu sagen:
"Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat." (Björn Höcke)
Und ich sage: Es hätten nicht nur 2711 Stelen gesetzt werden sollen, sondern eine für jeden umgebrachten Menschen. (Dann allerdings wäre Berlin jetzt unbewohnbar.)

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